Editorial

Inhalte

Von Omas Marmeladenglas und dem Fliessen der Zeit


Von Omas Marmeladenglas und dem Fliessen der Zeit


Im Rahmen einer PPP-Schwerpunktfachwoche in Bergamo (Bericht in dieser Ausgabe des JahrAus) schrieben Schülerinnen und Schüler Essays zur Ästhetik des Empfindens. Lesen Sie zwei Beispiele.

 

Text Frida Pastor, 28gH, Romy Scheer, 28gQ

Beitragsbild KI-unterstützte Illustration

 

Träumst du noch oder lebst du schon? – Essay von Frida Pastor, 28gH

Manchmal möchte ich Momente und Erinnerungen einfach in ein Marmeladenglas tun. All das Lebensgefühl, die Gerüche und Geräusche, die Schönheit aufsaugen und dann: Deckel auf und Deckel zu. Erinnerungen konservieren wie die Erdbeermarmelade von Oma.

 

Ich möchte diese Erinnerungen mit mir herumtragen, den Deckel öffnen und in Nostalgie schwelgen. Ich träume mich weg an diesen einen Tag in Schottland auf der Isle of Skye. Der Wind peitscht durch meine Haare, es tröpfelt ein wenig, und die Sonne scheint. Vor mir der Old Man of Storr, ein riesiger Felsen, und über ihm erstreckt sich der schönste Regenbogen, den (davon war ich in diesem Moment überzeugt) die Menschheit je gesehen hat.

 

In diesem Moment war mein Kopf leergefegt. Keine Probleme, keine Sorgen, die es sich sonst dort oben so bequem machen. Genau diese Momente möchte ich manchmal wieder freilassen und in mir aufleben lassen. Glücksgefühle aufbewahren für den manchmal so tristen Alltag.

 

Nostalgie ist doch wie eine ästhetische Erfahrung zweiter Ordnung. Sie selber hat nicht dieselbe Unmittelbarkeit wie das erste Erleben. Aus dem momentanen Erleben – dem Regenbogen auf Skye – wird eine Ästhetik des Erinnerten. Womöglich ist die Nostalgie deshalb schwächer? Es ist doch unmöglich, sich an alle Gefühlsschnipsel zu erinnern und sie dann wie bei einem Puzzle wieder zusammenzusetzen. Ich kann nicht einfach ein Foto machen und es aufhängen. Ich glaube, dass jede ästhetische Erfahrung auch vom Gefühl des Moments lebt – von etwas also, das man nicht einfangen kann oder das einfach wieder durch die Ritzen des Marmeladenglas Deckels fliesst.

 

Und doch möchte ich manchmal an diesen Ort, in diese Zeit zurück. Urlaub im Kopf und einmal kurz entfliehen. Ja gut, vielleicht nicht gerade beim Basketball im Sportunterricht, wenn ich verträumt aus dem Fenster schaue …

 

Ich kann bald nicht mehr zählen, wie oft mir schon gesagt wurde, dass ich so verträumt sei. «Träumst du noch oder lebst du schon?» Denn was ist, wenn Nostalgie bedeutet, nicht im Moment zu leben? Und ist das so schlimm, nicht im Moment zu leben? Gleichzeitig in Nostalgie zu schwelgen und neue Erinnerungen zu schaffen, das ist nicht so einfach.

 

Doch was ich weiss, ist, dass Nostalgie nicht mein Schmerzmittel sein soll. Keine Art von Betäubung, um mit einer schwierigen Situation klarzukommen, aus der man eigentlich entfliehen sollte.

 

Vielleicht liegt die Antwort, wie so oft, im Mittelweg. Das Marmeladenglas manchmal zu öffnen und dann aber auch wieder zu schliessen. Das Marmeladenglas nicht zu voll werden zu lassen, damit auch noch andere Erinnerungen darin Platz haben.

 

 

Von Gassen gehalten – Essay von Romy Scheer, 28gQ

Ich weiss nicht warum, aber in den Gassen fühle ich mich geborgen. Von Häusern umgeben, spärliche Beleuchtung, manchmal voller Menschen und manchmal völlig leer. Das ist es, was mich berührt. Was mich ergreift und dabehält. Die Ästhetik der Gassen, in denen ich mich stundenlang verlieren kann. Doch was daran ist so «ästhetisch»?

 

Kleine und grosse Häuser, Lärm und Stille, dadurch zeichnen sich die Gassen der Città Alta aus. Ich weiss nie, was kommt. Ich durchquere eine Menschenmenge, und hinter der nächsten Ecke empfängt mich eine angenehme Ruhe. Rote Ziegeldächer, die Schatten bieten. Moderne Läden in alten Häusern, die rechts und links in den Himmel ragen. Gerade dieser Kontrast macht die Gassen für mich ästhetisch. Er bietet Spannung und regt an, weiterzulaufen, auch wenn die Neigung der Strassen den Weg erschwert. Auf den unebenen Kopfsteinpflastern lasse ich mich von Gasse zu Gasse treiben. Rechts der Duft von Pizza, links das Klimpern eines Windspiels.

 

Die Gassen der Città Alta strahlen selbst mit viel Trubel ein Gefühl von Geborgenheit aus. Hohe Häuser ragen wie Schutzmauern um mich empor und schirmen mich auf den schmalen Strassen von der Hektik des Treibens unter mir ab. Es fühlt sich an wie Ankommen. Ankommen in der Authentizität. Authentizität, die bleibt, selbst wenn sich alles um mich herum bewegt. Die Gassen sind wie ein sicherer Hafen. Ein Ort, an dem ich zur Ruhe komme und mich wohlfühle. Denn dort, wo man sich am wohlsten fühlt, ist auch der Ort, an den man gehört. Vielleicht ist genau das Verlangen, dazuzugehören, der Grund, weshalb sich so viele Menschen von den Gassen von Bergamo angezogen fühlen. Es spielt keine Rolle, was ausserhalb dieser Gassen passiert. Ich bin ein Teil von etwas Fremdem und doch Vertrautem. Im Kontrast dazu stehen die grossen Strassen in der darunterliegenden Città Bassa. Dort überfordern mich die Eindrücke oft und dann bin ich klein und verloren.

 

Ich vergesse, wie schnell die Zeit vergeht. In den Gassen scheint die Zeit anders zu fliessen. Sie halten mich fest, lassen mich ankommen, und geben mir das Gefühl, für einen Augenblick genau am richtigen Ort zu sein.

 

 

 

1

Abschlussklassen

Verabschiedungen

Archiv

Von Omas Marmeladenglas und dem Fliessen der Zeit


Im Rahmen einer PPP-Schwerpunktfachwoche in Bergamo (Bericht in dieser Ausgabe des JahrAus) schrieben Schülerinnen und Schüler Essays zur Ästhetik des Empfindens. Lesen Sie zwei Beispiele.

 

Text Frida Pastor, 28gH, Romy Scheer, 28gQ

Beitragsbild KI-unterstützte Illustration

 

Träumst du noch oder lebst du schon? – Essay von Frida Pastor, 28gH

Manchmal möchte ich Momente und Erinnerungen einfach in ein Marmeladenglas tun. All das Lebensgefühl, die Gerüche und Geräusche, die Schönheit aufsaugen und dann: Deckel auf und Deckel zu. Erinnerungen konservieren wie die Erdbeermarmelade von Oma.

 

Ich möchte diese Erinnerungen mit mir herumtragen, den Deckel öffnen und in Nostalgie schwelgen. Ich träume mich weg an diesen einen Tag in Schottland auf der Isle of Skye. Der Wind peitscht durch meine Haare, es tröpfelt ein wenig, und die Sonne scheint. Vor mir der Old Man of Storr, ein riesiger Felsen, und über ihm erstreckt sich der schönste Regenbogen, den (davon war ich in diesem Moment überzeugt) die Menschheit je gesehen hat.

 

In diesem Moment war mein Kopf leergefegt. Keine Probleme, keine Sorgen, die es sich sonst dort oben so bequem machen. Genau diese Momente möchte ich manchmal wieder freilassen und in mir aufleben lassen. Glücksgefühle aufbewahren für den manchmal so tristen Alltag.

 

Nostalgie ist doch wie eine ästhetische Erfahrung zweiter Ordnung. Sie selber hat nicht dieselbe Unmittelbarkeit wie das erste Erleben. Aus dem momentanen Erleben – dem Regenbogen auf Skye – wird eine Ästhetik des Erinnerten. Womöglich ist die Nostalgie deshalb schwächer? Es ist doch unmöglich, sich an alle Gefühlsschnipsel zu erinnern und sie dann wie bei einem Puzzle wieder zusammenzusetzen. Ich kann nicht einfach ein Foto machen und es aufhängen. Ich glaube, dass jede ästhetische Erfahrung auch vom Gefühl des Moments lebt – von etwas also, das man nicht einfangen kann oder das einfach wieder durch die Ritzen des Marmeladenglas Deckels fliesst.

 

Und doch möchte ich manchmal an diesen Ort, in diese Zeit zurück. Urlaub im Kopf und einmal kurz entfliehen. Ja gut, vielleicht nicht gerade beim Basketball im Sportunterricht, wenn ich verträumt aus dem Fenster schaue …

 

Ich kann bald nicht mehr zählen, wie oft mir schon gesagt wurde, dass ich so verträumt sei. «Träumst du noch oder lebst du schon?» Denn was ist, wenn Nostalgie bedeutet, nicht im Moment zu leben? Und ist das so schlimm, nicht im Moment zu leben? Gleichzeitig in Nostalgie zu schwelgen und neue Erinnerungen zu schaffen, das ist nicht so einfach.

 

Doch was ich weiss, ist, dass Nostalgie nicht mein Schmerzmittel sein soll. Keine Art von Betäubung, um mit einer schwierigen Situation klarzukommen, aus der man eigentlich entfliehen sollte.

 

Vielleicht liegt die Antwort, wie so oft, im Mittelweg. Das Marmeladenglas manchmal zu öffnen und dann aber auch wieder zu schliessen. Das Marmeladenglas nicht zu voll werden zu lassen, damit auch noch andere Erinnerungen darin Platz haben.

 

 

Von Gassen gehalten – Essay von Romy Scheer, 28gQ

Ich weiss nicht warum, aber in den Gassen fühle ich mich geborgen. Von Häusern umgeben, spärliche Beleuchtung, manchmal voller Menschen und manchmal völlig leer. Das ist es, was mich berührt. Was mich ergreift und dabehält. Die Ästhetik der Gassen, in denen ich mich stundenlang verlieren kann. Doch was daran ist so «ästhetisch»?

 

Kleine und grosse Häuser, Lärm und Stille, dadurch zeichnen sich die Gassen der Città Alta aus. Ich weiss nie, was kommt. Ich durchquere eine Menschenmenge, und hinter der nächsten Ecke empfängt mich eine angenehme Ruhe. Rote Ziegeldächer, die Schatten bieten. Moderne Läden in alten Häusern, die rechts und links in den Himmel ragen. Gerade dieser Kontrast macht die Gassen für mich ästhetisch. Er bietet Spannung und regt an, weiterzulaufen, auch wenn die Neigung der Strassen den Weg erschwert. Auf den unebenen Kopfsteinpflastern lasse ich mich von Gasse zu Gasse treiben. Rechts der Duft von Pizza, links das Klimpern eines Windspiels.

 

Die Gassen der Città Alta strahlen selbst mit viel Trubel ein Gefühl von Geborgenheit aus. Hohe Häuser ragen wie Schutzmauern um mich empor und schirmen mich auf den schmalen Strassen von der Hektik des Treibens unter mir ab. Es fühlt sich an wie Ankommen. Ankommen in der Authentizität. Authentizität, die bleibt, selbst wenn sich alles um mich herum bewegt. Die Gassen sind wie ein sicherer Hafen. Ein Ort, an dem ich zur Ruhe komme und mich wohlfühle. Denn dort, wo man sich am wohlsten fühlt, ist auch der Ort, an den man gehört. Vielleicht ist genau das Verlangen, dazuzugehören, der Grund, weshalb sich so viele Menschen von den Gassen von Bergamo angezogen fühlen. Es spielt keine Rolle, was ausserhalb dieser Gassen passiert. Ich bin ein Teil von etwas Fremdem und doch Vertrautem. Im Kontrast dazu stehen die grossen Strassen in der darunterliegenden Città Bassa. Dort überfordern mich die Eindrücke oft und dann bin ich klein und verloren.

 

Ich vergesse, wie schnell die Zeit vergeht. In den Gassen scheint die Zeit anders zu fliessen. Sie halten mich fest, lassen mich ankommen, und geben mir das Gefühl, für einen Augenblick genau am richtigen Ort zu sein.

 

 

 

Top