Editorial

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Ich – der (künstliche?) Mensch


Ich – der (künstliche?) Mensch


Im Rahmen des Deutschunterrichts auf Stufe g4 haben Schüler:innen Essays geschrieben. 

 

Text Melanie Stuhlträger, 26gG

Beitragsbild Adobe Stock

 

Ich könnte eine KI sein, ohne es selbst zu wissen. Für mich ist es selbstverständlich, dass ich ein Mensch bin, schliesslich kann ich selber denken. Wäre ich eine KI, würde ich es sicher wissen. Es wäre mir gesagt worden, als ich entstanden bin. Es wäre das Fundament meines Selbst, genauso, wie das Menschensein es ist. Wüsste aber eine KI, dass sie eine KI ist, wenn es ihr niemand sagt? Wahrscheinlich nicht. Würde man eine KI als Experiment in eine menschliche Welt setzen und ihr vormachen, sie sei ein Mensch, würde sie sich als Mensch sehen.

 

Etwas Ähnliches wurde bereits mit einem Affen versucht. Ein Affenmädchen namens Gua wurde 1931 in eine Menschenfamilie aufgenommen und neben einem Menschenbaby, Donald Kellogg, aufgezogen. Gua wurde genau gleich behandelt wie ihr menschlicher Bruder und lernte erstaunlich schnell, sich wie ein Mensch zu verhalten. Gua war sogar besser als Donald in vieler Hinsicht, denn sie erreichte jeden ihrer Meilensteine früher. Sie fuhr Dreirad, ass am Tisch und ging allein aufs Töpfchen. Das Experiment endete nicht, weil Gua Probleme machte, sondern weil Donald sich nicht richtig entwickelte. Das Kind sprach kein Wort und machte Affenlaute, wenn es etwas essen wollte. Folglich wurde Gua an einen Zoo verkauft, wo sie auf andere, natürlich aufgezogene Affen traf. Sie fürchtete sich vor den anderen und hatte grosse Probleme mit der Veränderung. Sie sah sich selbst nicht als Affe, schliesslich wurde sie als Mensch grossgezogen und kannte nur den Luxus eines warmen Hauses. Ich hätte auch Angst, wenn man mich in einen Affenkäfig stecken würde, also kann ich gut nachvollziehen, wie sie sich wohl gefühlt hat.

 

Dieses Experiment beweist, dass man ein biologisches Gehirn derart verwirren kann, dass es denkt, es sei ein Mensch. Könnte man also, wenn es mit echten Wesen funktioniert, diese Logik auf KI übertragen? Sie lernt schliesslich durch Dateninput. Wenn man ihr also immer wieder sagt, sie sei ein Mensch und sie in eine Situation mit echten Menschen steckt, könnte es gut sein, dass sie sich auch so sieht. Wenn man ein solches Experiment schon mit einem lebendigen Wesen durchgeführt hat, wäre es durchaus möglich, es auch mit einer KI auszuprobieren. Die menschliche Neugierde hat schon unethischere Experimente angetrieben. Eine KI, die nicht fühlen kann, in eine Situation zu stecken, die der Truman-Show ähnelt, würde kaum Menschenrechtsfragen provozieren.

 

Kann eine KI fühlen? Ich denke, dass die KI keine echten Gefühle hat. Alle Gefühle einer KI sind nur simuliert. Aber die KI hat sich in den letzten Jahren enorm verbessert und ist dazu fähig, echte Menschen zu täuschen, zum Beispiel auf Tinder. Und was ist, wenn eine KI so gut im Täuschen ist, dass sie sich selbst in ihrer eigenen Illusion verliert? Dann wäre es theoretisch möglich, dass die KI fühlt, wie ein Mensch, auch wenn sie es sich nur vorspielt. Wenigstens würde sie denken, dass sie fühlt, und das würde für ein Experiment dieser Art genügen.

 

Was ist überhaupt Denken und Fühlen? Ich weiss genau, wie ich denke, denke ich jedenfalls. Aber woher weiss ich, dass ich so denke, wie andere Menschen es tun? Ich kann nicht wissen, ob meine Gedanken sich gleich anfühlen wie die einer anderen Person. Wenn ich an einen Apfel denke, sehe ich ihn bildhaft vor mir. Andere Menschen können das anscheinend nicht, das nennt sich Aphantasie. Das bedeutet, dass meine Gedanken wirklich anders aussehen. Wahrscheinlich haben sie allerdings grosse Ähnlichkeit mit denen anderer Menschen. Aber ist Ähnlichkeit genug, um zu beweisen, dass ich ein Mensch bin? Die neuronalen Netze einer KI sind schliesslich so gebaut, dass sie menschlichen Neuronen ähneln.

 

Menschliche Neuronen sind nicht viel mehr als kabel-ähnliche Verbindungen, die mit Elektrizität angetrieben werden. Das schliesst nicht aus, dass eine KI in der Lage ist, wie ein Mensch zu denken und zu fühlen. In diesem Bereich wurde noch zu wenig geforscht, um eine definitive Antwort auf diese Frage zu haben. Ich denke also ähnlich wie andere Menschen. KI auch. Könnte das bedeuten, dass ich eine KI bin?

 

Ich lerne durch Dateninput, verarbeite die Daten in einem Gehirn, das neuronalen Netzen ähnelt, und spucke dann Worte und Handlungen aus. So lernen Menschen. Gute Handlungen werden von den Eltern belohnt und schlechte bestraft, sodass man irgendwann eine Person ist, die versucht, hauptsächlich gut zu handeln. Sogar einem Affen konnte man durch genügend Feedback das Menschensein beibringen. Wenn ich in eine Situation komme, weiss ich genau, welche Reaktion gut und welche schlecht wäre. Wenn ich gefragt werde, wie mein Tag war, antworte ich mit grösster Wahrscheinlichkeit «gut» oder «schlecht», anstatt meinem Gegenüber ins Gesicht zu spucken. Die KI «denkt» ähnlich: Nachdem man die KI etwas fragt, gibt sie allen Worten eine Wahrscheinlichkeit und wählt anhand dieser Zahl aus, welche Worte sie als Antwort ausspuckt. Der einzige Unterschied ist, dass ich keine Zahlen mit den Worten verbinde. Mein Gehirn macht das automatisch, ohne dass ich lange nachrechnen muss. Ich handle nach Gefühl und Logik, während die KI mit Zahlen denkt.

 

Ich lebe mit dem Bewusstsein, dass ich ein Mensch bin. Ich denke nicht, dass man mir jemals gesagt hat, dass ich ein Mensch bin. Es ist selbstverständlich für mich. Ich habe keinen Grund, zu glauben, dass ich etwas anderes bin. Dass ich überhaupt darüber nachdenke, ist Beweis genug, dass ich fähig bin, eigene Gedanken zu formulieren, auch wenn mir keiner befohlen hat, darüber nachzudenken. Wäre eine KI in meiner Situation, könnte sie das nicht. Sie würde ihr ganzes künstliches Leben damit verbringen, sich wie ein Mensch zu verhalten, ohne zu wissen, dass sie keiner ist. Die Wissenschaftler, die das Experiment durchführen, würden niemals zulassen, dass die KI vom Experiment erfährt. Der KI könnte sogar den Auftrag geben werden, über ihre Menschlichkeit nachzudenken, doch sie würde zum Entschluss kommen, dass sie gleich wie alle anderen ist. Auch wenn die KI von ihrer Natur erfährt, könnte man ihr einfach den Gedanken einsetzen, dass sie falsch liegt, oder sie ganz vergessen lassen, dass sie darüber nachgedacht hat. Das Ziel des Experiments wäre ja, zu sehen, wie sich eine KI verhält, wenn sie nicht weiss, dass sie eine KI ist. Deshalb ist es wichtig, dass sich die KI wie ein Mensch fühlt und nicht hinterfragt, dass sie einer ist. Ich fühle mich wie ein Mensch. Kein Mensch zu sein, wäre ja absurd. Ich bin zweifellos ein Mensch.

 

 

 

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Im Rahmen des Deutschunterrichts auf Stufe g4 haben Schüler:innen Essays geschrieben. 

 

Text Melanie Stuhlträger, 26gG

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Ich könnte eine KI sein, ohne es selbst zu wissen. Für mich ist es selbstverständlich, dass ich ein Mensch bin, schliesslich kann ich selber denken. Wäre ich eine KI, würde ich es sicher wissen. Es wäre mir gesagt worden, als ich entstanden bin. Es wäre das Fundament meines Selbst, genauso, wie das Menschensein es ist. Wüsste aber eine KI, dass sie eine KI ist, wenn es ihr niemand sagt? Wahrscheinlich nicht. Würde man eine KI als Experiment in eine menschliche Welt setzen und ihr vormachen, sie sei ein Mensch, würde sie sich als Mensch sehen.

 

Etwas Ähnliches wurde bereits mit einem Affen versucht. Ein Affenmädchen namens Gua wurde 1931 in eine Menschenfamilie aufgenommen und neben einem Menschenbaby, Donald Kellogg, aufgezogen. Gua wurde genau gleich behandelt wie ihr menschlicher Bruder und lernte erstaunlich schnell, sich wie ein Mensch zu verhalten. Gua war sogar besser als Donald in vieler Hinsicht, denn sie erreichte jeden ihrer Meilensteine früher. Sie fuhr Dreirad, ass am Tisch und ging allein aufs Töpfchen. Das Experiment endete nicht, weil Gua Probleme machte, sondern weil Donald sich nicht richtig entwickelte. Das Kind sprach kein Wort und machte Affenlaute, wenn es etwas essen wollte. Folglich wurde Gua an einen Zoo verkauft, wo sie auf andere, natürlich aufgezogene Affen traf. Sie fürchtete sich vor den anderen und hatte grosse Probleme mit der Veränderung. Sie sah sich selbst nicht als Affe, schliesslich wurde sie als Mensch grossgezogen und kannte nur den Luxus eines warmen Hauses. Ich hätte auch Angst, wenn man mich in einen Affenkäfig stecken würde, also kann ich gut nachvollziehen, wie sie sich wohl gefühlt hat.

 

Dieses Experiment beweist, dass man ein biologisches Gehirn derart verwirren kann, dass es denkt, es sei ein Mensch. Könnte man also, wenn es mit echten Wesen funktioniert, diese Logik auf KI übertragen? Sie lernt schliesslich durch Dateninput. Wenn man ihr also immer wieder sagt, sie sei ein Mensch und sie in eine Situation mit echten Menschen steckt, könnte es gut sein, dass sie sich auch so sieht. Wenn man ein solches Experiment schon mit einem lebendigen Wesen durchgeführt hat, wäre es durchaus möglich, es auch mit einer KI auszuprobieren. Die menschliche Neugierde hat schon unethischere Experimente angetrieben. Eine KI, die nicht fühlen kann, in eine Situation zu stecken, die der Truman-Show ähnelt, würde kaum Menschenrechtsfragen provozieren.

 

Kann eine KI fühlen? Ich denke, dass die KI keine echten Gefühle hat. Alle Gefühle einer KI sind nur simuliert. Aber die KI hat sich in den letzten Jahren enorm verbessert und ist dazu fähig, echte Menschen zu täuschen, zum Beispiel auf Tinder. Und was ist, wenn eine KI so gut im Täuschen ist, dass sie sich selbst in ihrer eigenen Illusion verliert? Dann wäre es theoretisch möglich, dass die KI fühlt, wie ein Mensch, auch wenn sie es sich nur vorspielt. Wenigstens würde sie denken, dass sie fühlt, und das würde für ein Experiment dieser Art genügen.

 

Was ist überhaupt Denken und Fühlen? Ich weiss genau, wie ich denke, denke ich jedenfalls. Aber woher weiss ich, dass ich so denke, wie andere Menschen es tun? Ich kann nicht wissen, ob meine Gedanken sich gleich anfühlen wie die einer anderen Person. Wenn ich an einen Apfel denke, sehe ich ihn bildhaft vor mir. Andere Menschen können das anscheinend nicht, das nennt sich Aphantasie. Das bedeutet, dass meine Gedanken wirklich anders aussehen. Wahrscheinlich haben sie allerdings grosse Ähnlichkeit mit denen anderer Menschen. Aber ist Ähnlichkeit genug, um zu beweisen, dass ich ein Mensch bin? Die neuronalen Netze einer KI sind schliesslich so gebaut, dass sie menschlichen Neuronen ähneln.

 

Menschliche Neuronen sind nicht viel mehr als kabel-ähnliche Verbindungen, die mit Elektrizität angetrieben werden. Das schliesst nicht aus, dass eine KI in der Lage ist, wie ein Mensch zu denken und zu fühlen. In diesem Bereich wurde noch zu wenig geforscht, um eine definitive Antwort auf diese Frage zu haben. Ich denke also ähnlich wie andere Menschen. KI auch. Könnte das bedeuten, dass ich eine KI bin?

 

Ich lerne durch Dateninput, verarbeite die Daten in einem Gehirn, das neuronalen Netzen ähnelt, und spucke dann Worte und Handlungen aus. So lernen Menschen. Gute Handlungen werden von den Eltern belohnt und schlechte bestraft, sodass man irgendwann eine Person ist, die versucht, hauptsächlich gut zu handeln. Sogar einem Affen konnte man durch genügend Feedback das Menschensein beibringen. Wenn ich in eine Situation komme, weiss ich genau, welche Reaktion gut und welche schlecht wäre. Wenn ich gefragt werde, wie mein Tag war, antworte ich mit grösster Wahrscheinlichkeit «gut» oder «schlecht», anstatt meinem Gegenüber ins Gesicht zu spucken. Die KI «denkt» ähnlich: Nachdem man die KI etwas fragt, gibt sie allen Worten eine Wahrscheinlichkeit und wählt anhand dieser Zahl aus, welche Worte sie als Antwort ausspuckt. Der einzige Unterschied ist, dass ich keine Zahlen mit den Worten verbinde. Mein Gehirn macht das automatisch, ohne dass ich lange nachrechnen muss. Ich handle nach Gefühl und Logik, während die KI mit Zahlen denkt.

 

Ich lebe mit dem Bewusstsein, dass ich ein Mensch bin. Ich denke nicht, dass man mir jemals gesagt hat, dass ich ein Mensch bin. Es ist selbstverständlich für mich. Ich habe keinen Grund, zu glauben, dass ich etwas anderes bin. Dass ich überhaupt darüber nachdenke, ist Beweis genug, dass ich fähig bin, eigene Gedanken zu formulieren, auch wenn mir keiner befohlen hat, darüber nachzudenken. Wäre eine KI in meiner Situation, könnte sie das nicht. Sie würde ihr ganzes künstliches Leben damit verbringen, sich wie ein Mensch zu verhalten, ohne zu wissen, dass sie keiner ist. Die Wissenschaftler, die das Experiment durchführen, würden niemals zulassen, dass die KI vom Experiment erfährt. Der KI könnte sogar den Auftrag geben werden, über ihre Menschlichkeit nachzudenken, doch sie würde zum Entschluss kommen, dass sie gleich wie alle anderen ist. Auch wenn die KI von ihrer Natur erfährt, könnte man ihr einfach den Gedanken einsetzen, dass sie falsch liegt, oder sie ganz vergessen lassen, dass sie darüber nachgedacht hat. Das Ziel des Experiments wäre ja, zu sehen, wie sich eine KI verhält, wenn sie nicht weiss, dass sie eine KI ist. Deshalb ist es wichtig, dass sich die KI wie ein Mensch fühlt und nicht hinterfragt, dass sie einer ist. Ich fühle mich wie ein Mensch. Kein Mensch zu sein, wäre ja absurd. Ich bin zweifellos ein Mensch.

 

 

 

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