Editorial

Inhalte

Vom Wandel des Geschichtsunterrichts und des Gymnasiums – ein persönlicher Rückblick


Vom Wandel des Geschichtsunterrichts und des Gymnasiums – ein persönlicher Rückblick


Die Veränderungen im Unterricht in den letzten 35 Jahren – einen Zeitraum, den Max Bratschi erlebt und mitgestaltet hat – sind beträchtlich. Und im Moment des Übergangs in die neue Phase der Pensionierung blickt er zurück und voraus.

 

Text Max Bratschi

 

Als Historiker und Altphilologe ist mir bewusst, dass sich Perspektiven auf und Fragen an die Vergangenheit verändern. Laien meinen meistens, die Vergangenheit sei ja immer die gleiche geblieben und damit müsse auch die Betrachtung und Einordnung – also die Geschichtswissenschaft – gleich bleiben. Geschichte als Fach am Gymnasium ist wie zum Beispiel Biologie wissenschaftsorientiert und der Unterricht sollte sich an den neuen Erkenntnissen der Geschichtswissenschaft orientieren.

 

Lehrmittel

Hier ist die Entwicklung augenfällig und spannend: von rein beschreibenden Texten von Ereignisabläufen ohne Quellen, Bildmaterial und anderen Ergänzungen («Boesch») hin zu durchdidaktisierten, sehr vielseitigen, farbigen Geschichtslehrmittel mit Globalgeschichte als Anliegen, mit neuen, längeren Quellentexten, Forschungseinblicken und Arbeitsaufträgen («Geschichte fürs Gymnasium»). Zwischen diesen beiden gibt es Zwischenstufen von vor allem deutschen Lehrmitteln, unter anderem bei Klett und Cornelsen erschienen, die logischerweise die deutsche Geschichte ins Zentrum setzen. Cornelsen kombinierte diese mit schweizergeschichtlichen Inhalten. Helmut Meyer verfasste eine Geschichte der Schweiz als separates Werk, erschienen bei Cornelsen. In diesen Zwischenstufen sehen wir bereits Ansätze zum vielseitigen Lehrmittel «Geschichte fürs Gymnasium».

 

Im Vergleich zu französischen oder englischen Lehrmitteln sind alle deutsch geschriebenen fortschrittlicher und wissenschaftsorientierter. Und im kommenden Jahr erscheint die zweite, überarbeitete Auflage des Lehrmittels «Geschichte fürs Gymnasium», Band 3. Tolle et lege!

 

Methoden

Vom Frontalunterricht zur Methodenvielfalt und zur Kompetenzorientierung:  Der Bogen der Veränderung ist weit gespannt. Dass man über unterschiedliches Material und kontroverse Quellentexte sowie Forschungseinblicken als Schülerin oder Schüler zu einer eigenen Beurteilung von historischen Prozessen und Strukturen kommen kann und der Gymnasiallehrer bloss ein didaktisch versierter Coach in diesem Lernprozess ist, ist eine  recht neue Entwicklung. Hinzu kommen erweiterte Lernformen, die dieses Coaching stützen können wie beispielsweise Mind-Maps zu historischen Begriffen, Strukturen und Prozessen. Diese Methoden verlangen von den Gymnasiastinnen und Gymnasiasten mehr Eigenverantwortung und sind «anstrengend» – auch für die Lehrpersonen.

 

Ergänzungsfach Geschichte

Seit gut 25 Jahren gibt es dieses Wahlfach ab Sekunda (g3) bis Prima (g4), zu Beginn mit total 5, seit der letzten Sparübung des Kantons mit total 4 Lektionen, wahlweise als 5. Prüfungsfach der Matur. Dank eines offenen Lehrplanes sind Inhalte, Methoden und Formen offen. Dass gerade in den letzten paar Jahren diese Vertiefungsmöglichkeit vermehrt gewählt wird, ist eine Art Seismograph für das Chaos, das auf der Welt herrscht. Welches Fach – wenn nicht das Fach Geschichte und eine seriöse Quellenanalyse – kann in wirren Zeiten Orientierung und Entscheidungshilfen bieten für eine Beurteilung, was stimmt oder falsch ist, was wichtig ist oder belanglos?

 

Forschungsstand

Geschichte als Wissenschaft generiert neue Erkenntnisse, sei es mit neuem Quellenmaterial dank der Öffnung von Archiven – was eine kurze Zeit lang im Russland der 1990er- und 2000er-Jahre der Fall war – oder dank Publikationen von Quellen nach der obligaten Sperrung, wie sie in der Schweiz für alle amtlichen Dokumente gilt. Neue Erkenntnisse können auch durch neue Fragen an bekannte Quellen erreicht werden, so zum Beispiel in der Sozialgeschichte. Dass der neuste Forschungsstand in Lehrmittel sowie in unseren Unterricht, den wir gestalten, einfliessen muss, ist für mich folgerichtig und zwingend. Dies war in den 1990er-Jahren allerdings noch nicht der Fall, so dass beispielsweise über die Rolle der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs mehr Mythen als Fakten im Unterricht geboten wurden, auch wegen des Fehlens von Lehrmitteln, wegen Forschungslücken und fehlenden Zugängen zur Forschung. Die Berücksichtigung des Forschungsstandes im Unterricht verlangt von uns wissenschaftliche Neugier und grosse Lesebereitschaft. Dazu sollen unsere Ferien dienen.

 

Technik

Von der Schnapsmatrize zum persönlichen Laptop: Die Veränderung ist wirklich gewaltig, hat Methoden verändert und uns Lehrkräfte gefordert! Allein schon, dass man kopieren oder sogar eine Folie auf einem sogenannten Hellraumprojektor an eine Wand projizieren konnte, war ein gewaltiger Schritt. Das Gymnasium Thun war im Einbauen neuer Technologien den anderen Gymnasien immer voraus, sei es mit PC-Räumen, Smartboards, Laptop-Klassen oder BYOD seit acht Jahren.

 

Dass fortschrittliche Technik und noch höhere Bildschirmzeiten für alle nicht a priori gut sind, merkt man nun langsam aber sicher. Digitale Lehrmittel und eine Organisation des Unterrichts über digitale Plattformen in Kombination mit KI führen dazu, dass wir von den Klassen noch höhere Eigenverantwortung verlangen und viele junge Menschen damit überfordern – und uns etwas vormachen:  Wer möchte denn nicht den einfachen Weg gehen? Mundus decipi vult.

 

Gymnasiastinnen und Gymnasiasten

Klar, die blieben immer gleich alt – im Gegensatz zum Lehrkörper. Aber die jungen Menschen, die zu uns kommen, sind nicht mehr dieselben. Allein schon die Anzahl ist höher, da ja alle, die nach der Abschaffung der Seminare nun meist ans Gymnasium gingen, andere Fähigkeiten und Interessen mitbrachten, aber auch weniger analytische Kompetenzen. Die Bandbreite des Könnens und Verstehens und der Leistungsbereitschaft ist grösser geworden. Latein als hochanalytisches Fach dient bloss noch wenigen als Begabtenförderung. Zugleich schaffen es diejenigen, die das Empfehlungsverfahren der Sekundarschule überstanden haben und vielleicht am Gymnasium am falschen Ort sind, meist bis zur Matur, da eine Promotion recht leicht zu erreichen ist. Zu viele erhalten einen Nachteilsausgleich, ohne dass dieser irgendwo in den Zeugnissen vermerkt ist. Diese Veränderungen in der Klientel belasten uns immer mehr.

 

Gymnasium Thun

Die baulichen Veränderungen sind offensichtlich und das Entstehen eines gemeinsamen Campus  wird dem Gymnasium gut tun, wobei die neuen Teile steril wirken. Die Grössenveränderungen sind beeindruckend: von einem überschaubaren Kollegium von etwa 50 Personen und von 5 Parallelklassen zu einer, wie ich finde, zu grossen Schule.

 

In den letzten Jahren schlich sich eine besorgniserregende Entwicklung ein: Wir kennen längst nicht mehr alle, und vor allem und noch schlimmer, nicht einmal mehr alle collegae! Das geht nicht ohne Qualitätsverlust einher, sei es durch ein verändertes Verständnis unserer Aufgabe als Job und nicht als Berufung, sei es schlichtweg durch das verzeihbare Nichtkennen. Auch die Gymnasiasten und Gymnasiastinnen grüssen uns nicht mehr – wir sind ihnen unbekannt und folglich anonym. Sogar bekannten Lehrpersonen geben sie nicht mehr den Namen, sondern sagen bloss «Grüessech». Diese Entwicklung finde ich schade und wohl auch unumkehrbar, es sei denn, die Organisationsstruktur des Gymnasiums Thun wird neu durchgedacht.

 

 

 

1

Abschlussklassen

Verabschiedungen

Archiv

Vom Wandel des Geschichtsunterrichts und des Gymnasiums – ein persönlicher Rückblick


Die Veränderungen im Unterricht in den letzten 35 Jahren – einen Zeitraum, den Max Bratschi erlebt und mitgestaltet hat – sind beträchtlich. Und im Moment des Übergangs in die neue Phase der Pensionierung blickt er zurück und voraus.

 

Text Max Bratschi

 

Als Historiker und Altphilologe ist mir bewusst, dass sich Perspektiven auf und Fragen an die Vergangenheit verändern. Laien meinen meistens, die Vergangenheit sei ja immer die gleiche geblieben und damit müsse auch die Betrachtung und Einordnung – also die Geschichtswissenschaft – gleich bleiben. Geschichte als Fach am Gymnasium ist wie zum Beispiel Biologie wissenschaftsorientiert und der Unterricht sollte sich an den neuen Erkenntnissen der Geschichtswissenschaft orientieren.

 

Lehrmittel

Hier ist die Entwicklung augenfällig und spannend: von rein beschreibenden Texten von Ereignisabläufen ohne Quellen, Bildmaterial und anderen Ergänzungen («Boesch») hin zu durchdidaktisierten, sehr vielseitigen, farbigen Geschichtslehrmittel mit Globalgeschichte als Anliegen, mit neuen, längeren Quellentexten, Forschungseinblicken und Arbeitsaufträgen («Geschichte fürs Gymnasium»). Zwischen diesen beiden gibt es Zwischenstufen von vor allem deutschen Lehrmitteln, unter anderem bei Klett und Cornelsen erschienen, die logischerweise die deutsche Geschichte ins Zentrum setzen. Cornelsen kombinierte diese mit schweizergeschichtlichen Inhalten. Helmut Meyer verfasste eine Geschichte der Schweiz als separates Werk, erschienen bei Cornelsen. In diesen Zwischenstufen sehen wir bereits Ansätze zum vielseitigen Lehrmittel «Geschichte fürs Gymnasium».

 

Im Vergleich zu französischen oder englischen Lehrmitteln sind alle deutsch geschriebenen fortschrittlicher und wissenschaftsorientierter. Und im kommenden Jahr erscheint die zweite, überarbeitete Auflage des Lehrmittels «Geschichte fürs Gymnasium», Band 3. Tolle et lege!

 

Methoden

Vom Frontalunterricht zur Methodenvielfalt und zur Kompetenzorientierung:  Der Bogen der Veränderung ist weit gespannt. Dass man über unterschiedliches Material und kontroverse Quellentexte sowie Forschungseinblicken als Schülerin oder Schüler zu einer eigenen Beurteilung von historischen Prozessen und Strukturen kommen kann und der Gymnasiallehrer bloss ein didaktisch versierter Coach in diesem Lernprozess ist, ist eine  recht neue Entwicklung. Hinzu kommen erweiterte Lernformen, die dieses Coaching stützen können wie beispielsweise Mind-Maps zu historischen Begriffen, Strukturen und Prozessen. Diese Methoden verlangen von den Gymnasiastinnen und Gymnasiasten mehr Eigenverantwortung und sind «anstrengend» – auch für die Lehrpersonen.

 

Ergänzungsfach Geschichte

Seit gut 25 Jahren gibt es dieses Wahlfach ab Sekunda (g3) bis Prima (g4), zu Beginn mit total 5, seit der letzten Sparübung des Kantons mit total 4 Lektionen, wahlweise als 5. Prüfungsfach der Matur. Dank eines offenen Lehrplanes sind Inhalte, Methoden und Formen offen. Dass gerade in den letzten paar Jahren diese Vertiefungsmöglichkeit vermehrt gewählt wird, ist eine Art Seismograph für das Chaos, das auf der Welt herrscht. Welches Fach – wenn nicht das Fach Geschichte und eine seriöse Quellenanalyse – kann in wirren Zeiten Orientierung und Entscheidungshilfen bieten für eine Beurteilung, was stimmt oder falsch ist, was wichtig ist oder belanglos?

 

Forschungsstand

Geschichte als Wissenschaft generiert neue Erkenntnisse, sei es mit neuem Quellenmaterial dank der Öffnung von Archiven – was eine kurze Zeit lang im Russland der 1990er- und 2000er-Jahre der Fall war – oder dank Publikationen von Quellen nach der obligaten Sperrung, wie sie in der Schweiz für alle amtlichen Dokumente gilt. Neue Erkenntnisse können auch durch neue Fragen an bekannte Quellen erreicht werden, so zum Beispiel in der Sozialgeschichte. Dass der neuste Forschungsstand in Lehrmittel sowie in unseren Unterricht, den wir gestalten, einfliessen muss, ist für mich folgerichtig und zwingend. Dies war in den 1990er-Jahren allerdings noch nicht der Fall, so dass beispielsweise über die Rolle der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs mehr Mythen als Fakten im Unterricht geboten wurden, auch wegen des Fehlens von Lehrmitteln, wegen Forschungslücken und fehlenden Zugängen zur Forschung. Die Berücksichtigung des Forschungsstandes im Unterricht verlangt von uns wissenschaftliche Neugier und grosse Lesebereitschaft. Dazu sollen unsere Ferien dienen.

 

Technik

Von der Schnapsmatrize zum persönlichen Laptop: Die Veränderung ist wirklich gewaltig, hat Methoden verändert und uns Lehrkräfte gefordert! Allein schon, dass man kopieren oder sogar eine Folie auf einem sogenannten Hellraumprojektor an eine Wand projizieren konnte, war ein gewaltiger Schritt. Das Gymnasium Thun war im Einbauen neuer Technologien den anderen Gymnasien immer voraus, sei es mit PC-Räumen, Smartboards, Laptop-Klassen oder BYOD seit acht Jahren.

 

Dass fortschrittliche Technik und noch höhere Bildschirmzeiten für alle nicht a priori gut sind, merkt man nun langsam aber sicher. Digitale Lehrmittel und eine Organisation des Unterrichts über digitale Plattformen in Kombination mit KI führen dazu, dass wir von den Klassen noch höhere Eigenverantwortung verlangen und viele junge Menschen damit überfordern – und uns etwas vormachen:  Wer möchte denn nicht den einfachen Weg gehen? Mundus decipi vult.

 

Gymnasiastinnen und Gymnasiasten

Klar, die blieben immer gleich alt – im Gegensatz zum Lehrkörper. Aber die jungen Menschen, die zu uns kommen, sind nicht mehr dieselben. Allein schon die Anzahl ist höher, da ja alle, die nach der Abschaffung der Seminare nun meist ans Gymnasium gingen, andere Fähigkeiten und Interessen mitbrachten, aber auch weniger analytische Kompetenzen. Die Bandbreite des Könnens und Verstehens und der Leistungsbereitschaft ist grösser geworden. Latein als hochanalytisches Fach dient bloss noch wenigen als Begabtenförderung. Zugleich schaffen es diejenigen, die das Empfehlungsverfahren der Sekundarschule überstanden haben und vielleicht am Gymnasium am falschen Ort sind, meist bis zur Matur, da eine Promotion recht leicht zu erreichen ist. Zu viele erhalten einen Nachteilsausgleich, ohne dass dieser irgendwo in den Zeugnissen vermerkt ist. Diese Veränderungen in der Klientel belasten uns immer mehr.

 

Gymnasium Thun

Die baulichen Veränderungen sind offensichtlich und das Entstehen eines gemeinsamen Campus  wird dem Gymnasium gut tun, wobei die neuen Teile steril wirken. Die Grössenveränderungen sind beeindruckend: von einem überschaubaren Kollegium von etwa 50 Personen und von 5 Parallelklassen zu einer, wie ich finde, zu grossen Schule.

 

In den letzten Jahren schlich sich eine besorgniserregende Entwicklung ein: Wir kennen längst nicht mehr alle, und vor allem und noch schlimmer, nicht einmal mehr alle collegae! Das geht nicht ohne Qualitätsverlust einher, sei es durch ein verändertes Verständnis unserer Aufgabe als Job und nicht als Berufung, sei es schlichtweg durch das verzeihbare Nichtkennen. Auch die Gymnasiasten und Gymnasiastinnen grüssen uns nicht mehr – wir sind ihnen unbekannt und folglich anonym. Sogar bekannten Lehrpersonen geben sie nicht mehr den Namen, sondern sagen bloss «Grüessech». Diese Entwicklung finde ich schade und wohl auch unumkehrbar, es sei denn, die Organisationsstruktur des Gymnasiums Thun wird neu durchgedacht.

 

 

 

Top